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DR. MAYA FEHLING

Ärztin und Sexualtherapeutin mit Schwerpunkt digitale weibliche Gesundheit, Gründerin von being female

Auslandsaufenthalte: Kap Verde, Tansania, Frankreich, Schweiz, USA

Wie würden Sie sich in drei Worten beschreiben?

Neugierig, enthusiastisch, data-driven.

 

Was haben Sie sich als Student*in vorgestellt, was Sie später machen werden/ wie Sie später arbeiten werden?

Es ging schon mit 6 los, als ich mir vorstellte, später Kinderärztin in Afrika zu werden- was auch daran lag, dass ich die ersten zwei Jahre in Tansania aufwuchs.

Auch im Studium wollte ich noch Kinderärztin werden!

 

Wie lässt sich Ihre aktuelle Tätigkeit beschreiben? Welche Aufgaben haben Sie?

Ich arbeite bei einem digitalen Unternehmen namens data4life, das auch gleichzeitig eine gemeinnützige Organisation ist. Ziel ist es, Gesundheitsdaten so zu verwenden, dass sowohl die Nutzer*innen als auch die Klient*innen und Forscher*innen einen Mehrwert daraus erkennen, um prognostische und therapeutische Ansätze zu verbessern.

Da ich in dem Unternehmen viele Freiräume habe, kann ich mich gleichzeitig meinem eigenen Projekt being female zuwenden, das aus meinem Interesse an Frauengesundheit entstand. Das ist für mich eine großartige Möglichkeit, ganz viel aus meinem Leben dort einzubringen.

 

Auf welchen (Um-)Wegen sind Sie zu dieser Position gekommen?

Ich bin während des Medizinstudiums schon sehr, sehr viel gereist und habe alle Famulaturen und auch mein Praktisches Jahr im Ausland gemacht, unter anderem war ich in Paris, Bern und Boston. Für die Facharztausbildung war ich zuerst in der französischen Schweiz, dann in Genf und schließlich in Paris.

Häufig ging es sehr hierarchisch zu- ich habe mir oftmals die Behandlung anders gewünscht und dann habe ich mir gedacht: Entweder ich breche das alles ab und werde Schriftstellerin oder ich gehe in die humanitäre Richtung.

Ich war dann für Ärzte ohne Grenzen in zwei Noteinsätzen tätig, zuerst auf Kap Verde und dann in Nigeria. Das hat mir sehr, sehr gut gefallen. Als ich zurückkam wurde mir ein fellowship am Massachusetts Hospital in Boston angeboten- das war eine großartige Möglichkeit!  Dort habe ich in einem Projekt im Südsudan gearbeitet, bei dem traditionelle Geburtshelferinnen in basischen Maßnahmen ausgebildet wurden, um im Notfall handeln zu können.  Im Rahmen des fellowships habe ich noch einen Master in Global Health angefangen.

Danach habe ich bei Ärzte ohne Grenzen 3 Jahre als Medical-Quality-Adviser gearbeitet und ein System entwickelt, das überlegter an Qualität humanitärer Medizin herangeht. Denn nicht immer ist jede Hilfe besser als keine Hilfe- das ist häufig die Grundannahme, dem ist aber nicht so! Man dringt ja in einen Mikro- oder Makrokosmos ein.

Jedoch verdient man bei Ärzte ohne Grenzen- im Vergleich als Assistenzärztin- verhältnismäßig wenig. Außerdem, wenn man im Bereich Global Health arbeitet, muss man aufpassen, nicht sarkastisch und zynisch werden- auch wenn man weiß, dass man nur ein kleines Rad im Getriebe ist. Auf Dauer ist es schwierig, weil man so viel Ungerechtigkeit erlebt und dem natürlich auch ausgesetzt ist. Ich habe mich gefragt, ob wir nicht mehr auf localssetzen sollten, weil sie davon am meisten profitieren.

Schon im Südsudan ist mir aufgefallen, wieviel man digital bewirken kann und dass Technologie auch im Bereich der Gesundheitsmedizin genutzt werden kann. Es gibt sehr viel Bewegung und auch viele Entwickler*innen, die auf lokaler Ebene arbeiten und sich nach den Bedürfnissen der dortigen Bewohner*innen richten- diese neuen, innovativen Ansätze fand ich sehr spannend. Häufig versuchen wir, fremden Ländern ein Gesundheitssystem aufzuoktruieren, das sich über Jahrhunderte bei uns etabliert hat. Über die digitale Gesundheit entsteht ein agileres System-weswegen ich zusätzlich noch einen Master of Administration (MBA) gemacht habe.

 

Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Arbeit? Worauf könnten Sie verzichten?

Ich schätze die Flexibilität in der Arbeit sehr, es ist dynamisch, man lernt immer wieder Neues und arbeitet strategisch und wir kommunizieren viel untereinander. Wir sind ein junggebliebenes, internationales Team. Es geht auch sehr viel um die persönliche Entwicklung -das kenne ich aus dem Krankenhaus so gar nicht! Außerdem werde ich an der Arbeit und Entwicklung von being female unterstützt.

Bei being female arbeite ich einem sehr dynamischen Feld, was leider häufig in der Medizin inkorrekt abgebildet wird, obwohl Sexualität ein so großer Bestandteil des Lebens und der Gesundheit ist.  Gerade für Frauen gibt es in vielen Ländern keinen Zugang zu guten Informationen.

 

Welchen Stellenwert sollte Globale Gesundheit in der Ausbildung angehender Mediziner*innen einnehmen? Wie war es bei Ihrer Ausbildung?

Wir sagen zum Beispiel Frauenheilkunde und sprechen nur von Reproduktion- was eine sehr männliche Sichtweise ist- daraus ist es ja auch entstanden.

Das Thema Gender-Medicine ist auch total wichtig. So viel in der Medizin ist basierend auf männlichen Körper, an männlichen Probanden, an männlichen Tieren, durch männliche Forscher- vieles basiert auf den Erfahrungen von Männern. Dieser Ansatz ist zu einseitig.

Zudem sollte Planetary Health mehr in den Fokus rücken, weil der Klimawandel auch für ämere Ländern einer der größten Langzeitbedrohungen ist- verursacht durch uns, die Haupt-Kontributor*innen.

Das Studium beinhaltet viele Grundlagen und ist sehr intensiv, gleichzeitig sollte aber mehr Personen-zentriert gearbeitet werden- dieser Ansatz fehlt mir. Es sind ja nicht alle krank, das ist ja auch eine Grund-Premisse. Es ist zu viel hierarchisch, zu wenig fallbezogen und immer Auswendiglernen, Auswendiglernen, Auswendiglernen.

 

Welche Herausforderungen mussten Sie sich in Ihrem beruflichen oder persönlichen Leben stellen? Wie haben sie diese überwunden? 

Ganz vielen! Die größte Herausforderung war der Schritt aus der Klinik raus, weil man mit einer sehr konkreten Vorstellung in das Studium geht: Man wird irgendwann Ärztin im weißen Kittel und behandelt Patient*innen. Dem muss man sich dann stellen und es kommen Fragen wie: „Willst du nicht doch noch den Facharzt fertig machen?“ Und dann zuzugeben: „Ich kann es mir gar nicht vorstellen.“

 

An welchen Vorbildern orientieren Sie sich? Haben Sie Ihre Wertvorstellung im Laufe der Jahre verändert?

Es gab immer wieder Mentor*innen, die mir sehr viel Mut und Zuspruch gegeben haben. Das versuche ich auch weiterzugeben: Die Selbstentwicklung zu ermöglichen und zu unterstützen.

Werte verändern sich sehr langsam, bei mir haben sie sich mehr konkretisiert als verändert. Ich bin eine große Idealistin und habe versucht, im Studium das rauszusuchen, was viel Energie gibt, Spaß macht und mir liegt.

Manchmal muss man sich seinen Vorstellungen stellen, da finde ich es sehr hilfreich zu reflektieren „Will ich das überhaupt? Oder ist es gerade Trend?“ Immer wieder reflektieren, was man selbst vom Leben will- das habe ich kontinuierlich gemacht .

Mittlerweile bin ich schon relativ weit weg vom herkömmlichen Gesundheitssystem und immer noch neugierig und auch offen, um anderes auszuprobieren, wie bspw. meine sexualtherapeutische Ausbildung.

 

Wenn Sie zurückblicken, gibt es etwas was Sie anders gemacht hätten?

Früher im Studium habe ich die Leute beneidet, die richtig ihren Bereich gefunden haben und darin Expert*innen geworden sind- da habe ich immer den Eindruck gehabt: Ich muss meins finden. Ich bin aber froh, das nicht getan zu haben, weil ich liebe es, so breit aufgestellt zu sein: Einen Yoga-Trainer Schein zu haben, einen MBI. Ich mag es, mich auch ständig der Ausbildung auszusetzen, Neues zu lernen. Ich finde es toll, wenn man nicht so in seiner Bubble lebt – da würde ich eigentlich nichts dran ändern wollen.

 

Wenn man Ihnen ein bezahltes freies Jahr schenken würde, was würden Sie tun?

Being female aufbauen! Definitiv! Und dabei die Pleasure-App bauen, die wir gerade als Prototyp für being female testen.

 

Welche Ratschläge haben Sie für Studierende, die sich in diesem Bereich engagieren möchten?

So viel wie möglich nebenher machen. Dinge ausprobieren, sich Felder zu erarbeiten, um zu sehen, wie es ist, außerhalb der Klinik zu arbeiten. Gerade die erweiterte Sicht auf Dinge hat mir immer geholfen. Durch Reisen, durch Arbeit mit Obdachlosen. Offen sein für die Türen, die sich öffnen. Und wenn man rausgeht und sich mit Leuten unterhält, dann öffnen sich diese Türen.

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